Von Derivaten lernen

Herbert Hintergrund

Meine über 20 Jahre in der Quantitativen Finanz haben mir viele, neue Einblicke in ökonomische Zusammenhänge gewährt. Vor allem das Zusammenspiel von Primär- und Sekundärgütern (Derivaten). Auf Finanzmärkten tummeln sich Hedger, Spekulanten und Arbitrageure. Hedger wollen Risiko begrenzen, Spekulanten Returns maximieren und Arbitrageure risikolose Gewinnen aus Systemlücken erzielen. Meist auf der Grundlage von Derivaten. Ich habe im Buch Optionen, Futures (die Pflicht, ein Primärgut zu bestimmten Bedingungen zu kaufen/verkaufen), Swaps und Wandelanleihen vorgestellt.

Markt als faires Spiel

Märkte agieren „ausgeglichen“, wenn die drei typischen Marktteilnehmer im Gleichgewicht sind. So benötigen Hedger meist Spekulanten, die ihnen Fragilität abkaufen. Zum Beispiel mit Swaps. Abstrakt gesehen sind die meisten Derivate Eventualforderungen, welche die tiefe Eigenschaft tragen, dass sie durch Hedgeportfolios repliziert werden können, die auf verschiedenen Bezugssystemen operieren (Optionen zB durch Bargeld und einem Teil einer Aktie). Und diese Eigenschaften helfen Spielregeln zu formulieren, die Derivatemärkte zu einem fairen Spiel machen.

Den Wert von Projekten maximieren

Während Finazoptionen (-futures) dazu beitragen können, das Risiko eines Portfolios zu optimieren, können echte Optionen dazu beitragen, den Wert eines Projekts durch die Bewältigung von Unsicherheit und die Schaffung von Wert durch Flexibilität zu maximieren. Realoptionen sind das Prinzip der agilen Praktiken. Folglich sollten sie zum Beispiel in innovativen Projekten eingesetzt werden. Hier schliesst sich der Kreis, weil eine neue Politik selbst ein innovatives Projekt darstellt.

Den Charakter eines Einkommens wandeln

Eine Anleihe ist für Unternehmen ein Instrument zur Beschaffung von Fremdkapital. Die Käuferin einer Anlage kauft Schulden des Unternehmens zu bestimmten Rückzahlungsbedingungen. Anleihen haben einen Kurs. Im Gegensatz zum Kauf von Aktien wird die Käuferin nicht Eigentümerin des ausgebenden Unternehmens. Bei einer Wandelanleihe kann die Käuferin der Anleihe diese innerhalb eines festgesetzten Zeitraumes in Aktien des ausgebenden Unternehmens umtauschen.

Beispiel: ein Unternehmen bietet den Mitarbeitern an, 10 Aktien zum Preis von je 90 oder eine Wandelanleihe zum Preis von 1050 zu kaufen. In den Vertrag zur Wandelanleihe ist ein Umtauschrecht von 10:1 eingebaut – für eine Anleihennominale von 1000 gibt es 10 Aktien. Im Falle eines Umtausches überzahlt die Mitarbeiterin den Aktienwert um mehr als 20%. Warum?

Steigt der Aktienkurs bis zum Ende der Laufzeit auf 150, hat sie 450 gewonnen (hätte aber als Aktionärin 600 gewonnen). Fällt der Kurs jedoch auf 50, hätte sie als Aktionärin 400 verloren. Weil sie aber nicht umtauscht, erhält sie die Nominale von 1000 und verliert nur 50. Weil sie eine Kombination eine Anleihe mit einer Option darstellt, vermindert die Wandelanleihe die Gewinnchance durch Reduktion des Risikos. Die Bedingungen können so eingestellt werden, dass Wandelanleihen eher Anleihen oder eher Aktiencharakter besitzen.

Ich habe diese Beispiele gewählt, weil Derivate Einsichten gewähren und konkretes Vorgehen suggerieren, welches, Märkte zu einem fairen Spiel machen, Investitionshürden abbauen und einen fairen, individuellen Einkommensmix zu konstruieren.

Ich habe im Buch noch Derivategeld angesprochen… Derivate, vor allem „Realderivate“, nicht verteufeln, sondern selektiv einsetzen hülfe mehr Gerechtigkeit und Dynamik in Arbeit und Wirtschaft zu bringen.