Physik der Politik

Herbert Hintergrund

Wird uns die letzte Dekade überhaupt in Erinnerung bleiben, als die Zeit der Revolte der „Unterschichten“? Mit starkem politischem Biss, aber zum eigenen Nachteil? Aus tiefgehender Unsicherheit. Einem Schrei nach Änderung. Aber welcher? Haben wir Antworten? Können wir das geopolitische, sozioökonomische System erklären, ohne die darunterlegende, neue „Physik“ zu verstehen? Seine neue Ökologie?

Es geht um Komplexität. Unser surft auf den Wellen von Komplexität, versucht aber diese mit dem intelligenten Zusammenspiel von bestehenden Instrumenten, Agilität und Adaptivität zu meistern … und dadurch die Wellen auch einmal zu durchschneiden.

Das Jahrhundert von Komplexität

Strukturänderungen sind kompliziert, aber Systemänderungen sind komplex. Internationale Beziehungen sind kompliziert aber die globale Zivilisation ist komplex. In komplexen Systemen sind Krisen nicht einfach Zyklen, sondern Betriebsunfälle mit oft katastrophalen Folgen.

„Das 21. Jhdt. wird das Jahrhundert der Komplexität“, sagte Stephen Hawkins. Tatsächlich, die Physik der Geopolitik, Ökonomie, der Sozialsysteme… des 2unser-by-karl-artmann-2012-1232470. Jahrhundert, mit ihrem Gleichgewichtsstreben, wird abgelöst durch eine Physik der Komplexität. Nie vorher hatten wir smarte verbundene Dinge und Prozesse. Nie vorher hatten wir intelligentere Methoden und Tools. Nie vorher lebten wir in  multipolaren, multi-zivilisatorischen „Ordnungen“. Nie vorher wurde so viel von dem, was „uns“ gehört, von „ihnen“ gemacht und umgekehrt, Und das alles ohne EIN Regime.  Der grösste Systemwandel ist die Verschiebung staats-zentrierte Ordnungen in eine Arena von Multiagenten. Um das zu verstehen, müssen wir Evolution, Koevolution verstehen, positive Rückkopplung, auch „Schmetterlingseffekt“ genannt.

Am schwierigsten zu begreifen: der Wandel selbst wandelt sich. Und die Vorstellung, warum vor allem effiziente Systeme keine Prognosen künftigen Verhaltens zulassen.

Infolgedessen haben Politiker die Fähigkeit verloren, Entscheidungen zu treffen. Zentralbanken sind vage über die Erhöhung der Zinsen, schwächen das Vertrauen in ihre Fähigkeit, Märkte anzukurbeln. Märkte müssen mit „volatiler Volatilität“ fertig werden… Kein Grossmacht kann es sich mehr leisten, sich einzukapseln.

Aber es gibt auch eine Komplexität im Kleinen

Komplexität durch freie Agenten

Brautjungfern möchten den Brautstrauß fangen. Eine wird ihn zufällig bekommen? Wenn sich eine von ihnen deutlich gestikulierend in Richtung der Stelle bewegt, in welcher sie den Strauß fangen möchte, wird die Braut ihn unbewusst zum Schnittpunkt des Fluges und des Laufes werfen… Das beschreibt eine einfache Interaktionen in einem Multiagenten-System.

Systeme von Wirtschaft und Sozialem werden vom Verhalten von Agenten und Rückkopplung bestimmt. Interagierende Agenten sind Produzenten, Investoren, Konsumenten. Sie ändern ihre Strategien und Aktionen ständig in Reaktion auf das Ergebnis, welches sie wechselseitig hervorbringen, und die Absichten, die sie glauben zu erkennen. Eine schwierigere Konstellation ist kaum denkbar.

Multinational oder Übernational?

Multinationale Konzerne haben irgendwo ein fixes Headquarter. Aber smarte verbundene Konzerne denken übernational in einem Netzwerk von Markteilnehmern, Partnern und Firmengeflechten. Sie sehen die Welt durch die Linse von Angebot und Nachfrage, ohne Nationen. Das ist aber dem Konzept von Flüssigkeitsdynamik in der Physik: Durchfluss und Reibung fester Körper, Flüssigkeiten und Gase, näher, als jeder anderen Vorstellung. Durchfluss und Reibung bestimmen die Fähigkeit der Angebote, die Nachfrage zu befriedigen. Es fliessen Ressourcen, Güter, Kapital, Technologie, Arbeit, Daten, Ideen… behindert durch Grenzen, Konflikte, Sanktionen, Regeln, Schutzrechte…

In dieser Komplexität werden sozio-ökonomische Karten einfach umgezeichnet. Märkte sind keine Plätze mehr, sondern der Austausch selbst.

Zukunft nicht vorhersagen sondern schreiben

Politiker, Ökonomen und Soziologen fühlen sich mit der Vorstellung von Komplexität weniger komfortabel, als etwa Physiker, Biologen, Informatiker oder Mathematiker, die sich eher damit abfinden, dass jegliche Form von Leben nur an der schmalen Phasengrenze von Chaos und Ordnung statt findet. Ohne stabile Gleichgewichte. Nichtdeterministisch. Nicht statisch regulierbar.

Komplexitätspolitik erfordert ein anderes Denken über Politik selbst. Als eine Politik die sich stetig neu konstruiert und berechnet. Eine Politik, die weniger in konkreten Zielen und Strukur-Prinzipien, sondern in deren Mustern denkt. Die üblichen politischen Ausdrucksformen (Geopolitik, Soziales, Ökonomie…) treten hinter Machen, Reagieren, Erneuern zurück. Zukunft schreiben, nicht vorhersagen. Auf der Grundlage von Modellen, Simulation, Adaption….

Welch eine Herkulesaufgabe. Unser, das Buch, liefert Einsichten, Ideen und Pfadvorschläge… aber ich hoffe, es wird viel mehr: eine Plattform… serving the Quantitative Politics Community. Dazu biete ich an, kostenlos, Seed-Workouts abzuhalten. Individuell zu vereinbaren.