Komplexe Wirtschaft

Herbert Artikel

Geld ist flexibel. Das Geldsystem sogar programmierbar. Derivate können helfen Wirtschaft zu beleben. Darüber habe ich hier, hier und hier geschrieben. Wenn Wirtschaft richtig eingeschätzt wird.

Komplexitätsökonomie

Die klassische Makroökonomie ist durchdrungen von der Idee, dass rationale Akteure in einer Welt von Gleichgewichten arbeiten. In dieser Denkwelt ist es nur konsequent, dass Blasen und Krisen keine Unfälle, sondern notwendige Zyklen sind – zyklische Fluktuationen.

In der Geschichte hat es uns häufig geholfen, wenn wir die Ökonomie als Maschine verstanden. Suchen wir jedoch eine adäquate, reaktionsfähige Politik, müssen wir uns mit einem realistischen Bild von Ökonomie auseinandersetzen.

Die Komplexitätsökonomie entwickelt sich evolutionär – Märkte werden gespielt. Wenn Märkte von Schokolade übersättigt sind, wenden sie sich, sagen wir, Nüssen zu und noch mehr Schokolade zu verkaufen, wird zu teuer. Taucht aber am Markt nachgefragte Grand Cru Schokolade auf, erfährt vielleicht auch die Massenschokolade ein neues Nachfragehoch. Die Erträge steigen geradezu wegen der Sättigung.

Darin liegt die Theorie der wachsenden Erträge gegen Sättigung begründet. Sie gilt in  Technologiesektoren. Produkten in High-Tech Segmenten sind differenzierende Prinzipien eigen. Sie wirken flächendeckend, bilden Plattformen, auf deren Basis Innovationen möglich sind, die wiederum selbst flächendeckend sind. Es entstehen dadurch verschachtelte Formen von Monopolen.

Künftige Differenzierung liegt in der Komplexität. Komplexe Systeme sind nicht einfach zu verstehen, nachzuvollziehen, zu beherrschen. Ich erinnere an das Beispiel mit den Eiskristallen ganz am Anfang:

Leben findet ausschließlich an der Phasengrenze zwischen Chaos und Ordnung statt

Wir können Leben nicht fix einstellen. Nicht biologisches, nicht physikalisches, nicht soziales Leben … Auch das Regelsystem für Ökonomien muss immer wieder nach oben oder unten adjustiert werden.

Das gilt im Grossen, aber es gibt auch die Komplexität im Kleinen:

Systeme von Wirtschaft und Sozialem werden vom Verhalten von Agenten und Rückkopplung bestimmt. Sie ändern ihre Strategien und Aktionen ständig in Reaktion auf das Ergebnis, welches sie wechselseitig hervorbringen. Eine schwierigere Konstellation ist kaum denkbar.

Preise

Im Preis kristallisiert sich die Zusammenfassung aller Informationen über ein Produkt, Klienten, Benutzer, Eigentümer, Weltanschauungen, Umgebungsbedingungen. Wir können deshalb vom heutigen Preis nicht auf den morgigen schließen.

In einer Gleichgewichtsökonomie führt Rückkopplung meist zur Selbstregelung – erhöhte Preise neigen dazu, wieder zurück zu gehen und gefallene, wieder nach oben zu driften. Gleichgewichtsökonomie scheint in ihrer gesamten Wirkungsweise geordnet, besser steuerbar, eher abgeschlossen.

In der Komplexitätsökonomie führt Rückkopplung manchmal zum Aufblähen von Blasen, welche unvermeidlich einmal platzen. Nach einem überzogenen Preiswachstum gehen die Preise nicht zurück, sondern sie stürzen ab. Manchmal allerdings, bleiben Preise unerwartet stabil hoch. Die Wirkungsweise der Komplexitätsökonomie erscheint deshalb chaotisch, unsicher, offen.

Aber Achtung, die Gleichgewichtsökonomie ist nur ein Spezialfall der Komplexitätsökonomie und je mehr Produkte und Prozesse autonom und verbunden werden, desto größer wird die Komplexität. Komplexitätsökonomie erfordert ein anderes Denken über Ökonomie selbst. Als eine Ökonomie die sich stetig neu konstruiert und berechnet.

Aber, es kommt noch schlimmer… Über Arbeitskomplexität im nächsten Beitrag.